h. quynh nguyen

February 06, 2018

Du hast dich oft gefragt, was mich zerreißt.


Es ist Nacht, ich lehne mich an das Geländer und schaue ins Schwarz. Zum ersten Mal an diesem Abend habe ich das Gefühl, atmen zu können. Nach der letzten Stunde hören sich die einzelnen Personen, die an uns vorbei laufen an als wären sie ganz weit weg. So findet man also seine Ruhe in der Großstadt, denke ich - indem man sich zuerst dem größten Trubel aussetzt. Ich weiß nicht, ob ich mich je daran gewöhnen werde. Du fragst mich, wie es mir hier bisher gefällt und ich versuche irgendwie zu antworten. Das Gesagte vergesse ich sofort wieder - mir wurde diese Frage in den letzten Wochen so oft gestellt. Und als wir dort so stehen in der Kälte, umgeben von einer angenehmen Dunkelheit, fange ich an, den Sommer zu vermissen. Plötzlich stehe ich wieder auf einem Berg in Italien und schaue auf die Stadt, die gar nicht mehr so groß zu sein scheint. Ich erinnere mich an den langen Weg dorthin und wie wir mehrere Pausen einlegen mussten. An die Plumcakes und die Trinkbrunnen. Und dann an die Berge Vietnams, von deren Spitzen immer wieder Freudeschreie ertönten. Ich frage mich, wann ich wieder zurückkommen würde und bin auf einmal wieder traurig. Ich glaube, das war das erste Gefühl von Heimweh - das Sehnen nach einem Zuhause, das womöglich gar keins ist. Vielleicht habe ich deswegen angefangen, es in dir zu suchen.

January 23, 2018

Vielleicht seh' ich dich, vielleicht siehst du mich.


Eine einzehntel Sekunde, vermute ich. Wenn ich genau hinschaue, sind es vielleicht sogar einhundertstel. Aus den Augenwinkeln merke ich, wie sich eine Person neben mich setzt, aber ich achte nicht auf sie. Mein Blick starrt weiter aus dem Fenster und ich versuche immer noch herauszufinden, welche Belichtungszeit genau das abbilden würde, was ich sehe. Die Lichter der Stadt ziehen mit Spuren an mir vorbei und ich erkläre mich selbst für verrückt. Das passiert also, wenn man gerade zwei Stunden Fototechnik hinter sich hatte. Neben mir höre ich ein undeutliches Murmeln und als ich mich umdrehe, sehe ich einen Mann. Anfang vierzig, würde ich schätzen. Er hat sich zu mir gewendet und ich sehe noch, wie er seinen Satz beendet. "Wie bitte?", frage ich und nehme einen meiner Kopfhörer aus dem Ohr, um ihn verstehen zu können. "Der Nebel ist toll.", antwortet er mit einem Lächeln und ich folge seinem Blick dorthin, wo auch meiner zuvor geweilt hat. Ein milchiger Schleier umgibt die Häuser des Ortes und lässt die Menschen als Umrisse erscheinen. Ich stelle mir vor, dass es genau so aussehen würde, wären Dementoren anwesend. Es war den ganzen Tag schon so gewesen. Ich weiß auch, dass es um sechs Uhr morgens so ausgesehen hatte - kurz bevor ich ins Bett gegangen bin. "Ja, es hat etwas mystisches.", erwidere ich und als ich ihn wieder anschaue, könnte ich schwören, dass er mehr sieht. Als wäre er vollkommen im Klaren, was gerade in mir vorgeht. Zum ersten Mal in den letzten Tagen frage ich mich, ob man mir meine Traurigkeit ansieht. Und als wüsste er, dass die nächste Station meine sein wird, steht er auf und macht mir Platz. "Danke.", sage ich zögernd lächelnd während mein Kopf wie verrückt arbeitet. "Selbstverständlich." Er nickt mir zu, dann wieder der Blick, und ich steige aus der Tram.

January 07, 2018

Wir sprachen über alles, aber nicht über das.


"Ich wusste gar nicht, dass du sowas schaust.", sage ich und stütze meinen Kopf auf meinen Armen ab während ich dich dabei beobachte, wie du eine Zigarette drehst. Ich liege auf deinem viel zu großen Bett in deinem viel zu kleinen Zimmer und fühle mich irgendwie Zuhause. Du hast das Fenster geöffnet, das nun die kühle Nacht herein lässt und ich ziehe die Decke weiter über meinen Körper. "Nicht so oft", sagst du ohne deinen Blick von der kleinen Papierrolle in deiner Hand zu lösen. "Ich hab nur den einen gesehen und dachte, der könnte dir auch gefallen." Ich lache als Antwort kurz auf, schaue dir aber weiter dabei zu, wie du dein kleines Werk vollendest. Ich denke daran, wie es mich stören würde, wären wir zusammen. Rauchen ist total der Minuspunkt an einem Typen, habe ich immer zu meinen Freundinnen gesagt, wenn wir den üblichen Beziehungsmist bequatscht haben. Vielleicht stört mich das deshalb nicht an dir. Weil wir in keiner Beziehung sind. Und weil wir keine Zukunft haben. Weil wir uns in einigen Wochen wahrscheinlich zum letzten Mal sehen werden. Vielleicht ist es deshalb so einfach mit uns. Vielleicht bedeutet mir das hier deshalb nicht so viel. Alles, was wir jetzt machen wird bald nur eine Erinnerung sein. Du wirst bald nur eine Erinnerung sein. Also beginne ich, mir jedes Detail einzuprägen. Angefangen mit den ganzen Klamotten, die auf deinem Wohnheimzimmerboden verstreut liegen über solche unbedeutenden Unterhaltungen von irgendwelchen Filmen, die du dir irgendwann mal angeschaut hast, bis hin zu dir. Dein ehrliches Lächeln, wenn du mir versicherst, dass alles okay ist. Deine dunklen Locken, die dir mittlerweile zu lang gewachsen sind. Oder deine ganz anderen Weltanschauungen, die mich meine hinterfragen lassen. Ich frage mich, ob du jemand wärst, in den ich mich verlieben könnte. Vielleicht, denke ich mir. Vielleicht aber auch nicht, denke ich mir. Und draußen hört man ein Auto am Haus vorbei fahren.