h. quynh nguyen

March 01, 2018

Dachten wohin wir fahren ist besser als woher wir kommen.


X - Ich glaube, ich war noch nie nachts an einem Strand, denke ich mir. Meine Eltern haben mir ohnehin nie erlaubt, so spät draußen zu sein – wahrscheinlich auch mit Recht, wenn man bedenkt, in was für einem Stadtteil wir wohnten. Trotzdem habe ich das Gefühl als wäre mir die ganze Situation vertraut, obwohl ich diesen Ort zum ersten Mal sehe. Oder eben nicht sehe. Das Meeresrauschen, das uns in der Dunkelheit umgibt und eine erdrückende Stille nicht zulässt. Unsere gedämpften Stimmen, obwohl weit und breit kein einziger Mensch zu erkennen ist, der in irgendeiner Weise an unseren Worten interessiert gewesen wäre. Vielleicht ist es egal, an welchem Meer ich bin – ich würde mich immer an einem geborgen fühlen, ich würde immer diese Ruhe in mir haben. Wir haben uns Decken mitgenommen, die wir nun eng um uns geschlungen haben. Es sind Minusgrade und ich spüre meine Zehen nicht mehr – dabei habe ich mir drei Paar Socken übergezogen. Irgendwie macht mir das nichts aus. So wie wir hier allein im Sand sitzen, könnte man denken, dass wir ein verliebtes Pärchen wären, das für ein romantisches Date ans Wasser gefahren ist. Stattdessen sind wir zwei Fremde mit gebrochenen Herzen, die aus der Großstadt geflüchtet sind. Irgendwie macht mir das nichts aus. Und meinetwegen hätten wir stundenlang weiter über peinliche Kindheitsgeschichten und dem Sinn von Teleshopping reden können. Wenn du mir nicht näher gekommen wärst. Und wenn mir die Situation nicht so bekannt vorgekommen wäre, um genau zu wissen, was du vorhast. Und irgendwie macht mir das was aus.
„Warum müssen Menschen ständig die Nähe in jemand anderen suchen, wenn sie sie nicht von einem anderen bekommen?“ Ich habe noch nicht einmal meinen Kopf weggedreht und meine Frage überrascht dich so sehr, dass du in der Bewegung inne hältst, sodass unsere Gesichter nur wenige Zentimeter voneinander entfernt sind. Ich spüre deinen warmen Atem meine Wange kitzeln. „Ich meine, brauchen wir diese Bestätigung einer anderen Person, damit wir uns einreden können, dass es nicht an uns liegt? Oder geht’s ums Vergessen? Ums Verdrängen?“ Du fängst an, irgendetwas zu stammeln, aber ich höre dir nicht mehr zu. Ich bin es leid, Leuten zuzuhören, die das eine sagen und das andere machen. Ich bin so müde davon. Du gehörst auch zu ihnen. „Das ist doch lächerlich. Dass wir so wenig mit uns selbst klarkommen, dass wir uns ständig mit jemand anderem ablenken müssen, um nicht über unser eigenes scheiß Leben nachdenken zu müssen.“ Du hast aufgehört, auf meine Fragen antworten zu wollen und schaust mich stumm an. Du wartest, dass ich fertig werde, damit du auch zu Wort kommen kannst, aber das will ich nicht. Dieses Mal will ich keine Erklärung hören. Und plötzlich ist es doch unangenehm still. Plötzlich fühle ich mich nicht mehr so geborgen, plötzlich gibt es keine Ruhe. Plötzlich fühle ich mich unfassbar dumm und klein und verletzt. Plötzlich fühle ich mich in dieselbe Situation gestoßen, von der ich weggelaufen bin. Es hat sich nichts verändert. Das hier hat nichts gebracht. Also stehe ich auf. „Lass uns wieder fahren.“ - X

February 06, 2018

Du hast dich oft gefragt, was mich zerreißt.


Es ist Nacht, ich lehne mich an das Geländer und schaue ins Schwarz. Zum ersten Mal an diesem Abend habe ich das Gefühl, atmen zu können. Nach der letzten Stunde hören sich die einzelnen Personen, die an uns vorbei laufen an als wären sie ganz weit weg. So findet man also seine Ruhe in der Großstadt, denke ich - indem man sich zuerst dem größten Trubel aussetzt. Ich weiß nicht, ob ich mich je daran gewöhnen werde. Du fragst mich, wie es mir hier bisher gefällt und ich versuche irgendwie zu antworten. Das Gesagte vergesse ich sofort wieder - mir wurde diese Frage in den letzten Wochen so oft gestellt. Und als wir dort so stehen in der Kälte, umgeben von einer angenehmen Dunkelheit, fange ich an, den Sommer zu vermissen. Plötzlich stehe ich wieder auf einem Berg in Italien und schaue auf die Stadt, die gar nicht mehr so groß zu sein scheint. Ich erinnere mich an den langen Weg dorthin und wie wir mehrere Pausen einlegen mussten. An die Plumcakes und die Trinkbrunnen. Und dann an die Berge Vietnams, von deren Spitzen immer wieder Freudeschreie ertönten. Ich frage mich, wann ich wieder zurückkommen würde und bin auf einmal wieder traurig. Ich glaube, das war das erste Gefühl von Heimweh - das Sehnen nach einem Zuhause, das womöglich gar keins ist. Vielleicht habe ich deswegen angefangen, es in dir zu suchen.

January 23, 2018

Vielleicht seh' ich dich, vielleicht siehst du mich.


Eine einzehntel Sekunde, vermute ich. Wenn ich genau hinschaue, sind es vielleicht sogar einhundertstel. Aus den Augenwinkeln merke ich, wie sich eine Person neben mich setzt, aber ich achte nicht auf sie. Mein Blick starrt weiter aus dem Fenster und ich versuche immer noch herauszufinden, welche Belichtungszeit genau das abbilden würde, was ich sehe. Die Lichter der Stadt ziehen mit Spuren an mir vorbei und ich erkläre mich selbst für verrückt. Das passiert also, wenn man gerade zwei Stunden Fototechnik hinter sich hatte. Neben mir höre ich ein undeutliches Murmeln und als ich mich umdrehe, sehe ich einen Mann. Anfang vierzig, würde ich schätzen. Er hat sich zu mir gewendet und ich sehe noch, wie er seinen Satz beendet. "Wie bitte?", frage ich und nehme einen meiner Kopfhörer aus dem Ohr, um ihn verstehen zu können. "Der Nebel ist toll.", antwortet er mit einem Lächeln und ich folge seinem Blick dorthin, wo auch meiner zuvor geweilt hat. Ein milchiger Schleier umgibt die Häuser des Ortes und lässt die Menschen als Umrisse erscheinen. Ich stelle mir vor, dass es genau so aussehen würde, wären Dementoren anwesend. Es war den ganzen Tag schon so gewesen. Ich weiß auch, dass es um sechs Uhr morgens so ausgesehen hatte - kurz bevor ich ins Bett gegangen bin. "Ja, es hat etwas mystisches.", erwidere ich und als ich ihn wieder anschaue, könnte ich schwören, dass er mehr sieht. Als wäre er vollkommen im Klaren, was gerade in mir vorgeht. Zum ersten Mal in den letzten Tagen frage ich mich, ob man mir meine Traurigkeit ansieht. Und als wüsste er, dass die nächste Station meine sein wird, steht er auf und macht mir Platz. "Danke.", sage ich zögernd lächelnd während mein Kopf wie verrückt arbeitet. "Selbstverständlich." Er nickt mir zu, dann wieder der Blick, und ich steige aus der Tram.